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Warum der Verlust eines Hundes so tief schmerzt

  • gburri
  • vor 24 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Was Wissenschaft und Psyche darüber sagen


Viele trauernde Menschen hören Sätze wie «Es war doch nur ein Hund», oder «Hol dir einfach einen neuen.» etc. Die Wissenschaft zeigt jedoch klar, dass die Bindung zwischen Mensch und Hund neurobiologisch und psychologisch extrem tief verankert ist.



Eine neue Studie von Philip Hyland von der Maynooth University in Irland, die im Januar 2026 auf PLOS ONE veröffentlicht wurde, zeigt, dass für jede fünfte Person der Haustiertod der belastendste Verlust war, obwohl sie auch Menschverluste erlebt hatte.


Ich möchte vorneweg nehmen, dass ich finde, dass es diesbezüglich keine Vergleiche geben darf, was denn nun «schlimmer» ist. Trauer ist individuell. Jeder Verlust ist individuell. Jeder Verlust ist schlimm. Trauer ist kein Wettbewerb.


Aber: Ich finde den Artikel insofern wichtig, weil er das Thema aufgreift. Trauer um ein Haustier ist in der Gesellschaft oftmals noch immer nicht richtig anerkannt. Der Artikel ist ein weiterer Schritt, zu sensibilisieren, die Wichtigkeit und auch Berechtigung dieses Themas «Trauer um ein Haustier» aufzugreifen.


Noch wichtiger finde ich, zu verstehen, weshalb Trauer um ein Tier genauso stark sein kann. Dazu aber später mehr. Ich habe aus der Studie die wichtigsten Zahlen zusammengefasst (Online-Befragung mit 975 Erwachsenen in Grossbritannien)


Häufigkeit von Tierverlust und anderer Verluste

• 32,6 % der Befragten hatten bereits den Tod eines geliebten Haustiers erlebt (n = 318). • Fast alle von diesen Personen (93,1 %) hatten auch den Tod eines Menschen erlebt. • 21,0 % derjenigen, die sowohl Tier- als auch Menschverlust erlebt hatten, nannten den Haustiertod als ihren traumatischsten Verlust.


PGD-Symptommuster nach Tierverlust sind statistisch vergleichbar mit Menschverlusten (Messinvarianz)

• Insgesamt erfüllten 8,6 % aller Befragten diagnostische Kriterien für PGD. • Nach dem Tod eines Haustiers lag die bedingte Rate für PGD bei 7,5 %, also deutlich über null und vergleichbar mit vielen Arten menschlicher Verluste. • Zum Vergleich:– Tod eines Kindes → PGD bei 21,3 % der Betroffenen– Tod eines Partners → PGD bei 9,1 %


PGD = Prolonged Grief Disorder: anhaltende Trauerstörung, wurde als psychische Erkrankung anerkannt und beschreibt die krankhafte Form der Trauer, bei der Betroffene über viele Monate hinweg stark unter dem Verlust leiden und im Alltag deutlich eingeschränkt sind.


Vergleich der Symptome

• Die Untersuchung zeigte, dass die Symptome von PGD nach dem Tod eines Haustiers in ihrer Struktur und Stärke nicht signifikant anders sind als nach menschlichen Verlusten. Das heisst, klinisch ähnliche Trauerreaktionen treten unabhängig davon auf, ob ein Mensch oder ein Haustier verloren wurde.

 

Die vollständige Studie ist hier zu finden.

 

Diese Erkenntnisse sollen nicht dazu dienen, Trauer zu messen oder zu vergleichen. Sie dürfen aber etwas Wichtiges tun: entlasten und aufklären.

Wer um seinen Hund trauert, muss diese Trauer nicht rechtfertigen, erklären oder relativieren. Sie ist nicht zu viel, nicht falsch und nicht peinlich. Sie ist eine natürliche Reaktion auf den Verlust einer tiefen Bindung.

 


Weshalb trauern wir so stark?


Hunde sind Familienmitglieder. Für viele Menschen sind sie emotionale Anker. Ihr Verlust reisst eine Lücke im Alltag und im inneren Gleichgewicht.


Die folgende Auflistung ist nicht abschliessend:


  • Hunde sind für viele Menschen Familienmitglieder und enge Bezugspersonen

  • Der Hund als Bindungsfigur vermittelt Sicherheit und Stabilität

  • Emotionale Ko-Regulation durch Nähe, Berührung und gemeinsame Rituale

  • Bedingungslose Nähe und Akzeptanz, ohne Bewertung oder Erwartungen

  • Die Beziehung ist häufig frei von Konflikten, sozialen Rollen oder Leistungsdruck

  • Tiere sind konstant präsent, hören zu, urteilen nicht

  • Viele Menschen verbringen mehr Zeit mit ihrem Haustier als mit anderen Menschen

  • Der Hund strukturiert den Alltag und gibt dem Tag Sinn und Rhythmus

  • Mit dem Hund gehen auch Identität und Selbstverständnis verloren (z.B. Verantwortung, Fürsorge, «Hundemensch sein»)

  • Hunde sind oft emotionale Anker in belastenden Lebensphasen

  • Der Hund fungiert als sozialer Knotenpunkt (Gassirunden, Begegnungen, Kontakte)

  • Der Verlust kann frühere Verluste reaktivieren

  • Plötzlicher Tod oder belastende Krankheitsverläufe können traumatische Aspekte haben

  • Schuldgefühle und Entscheidungsverantwortung (Behandlungen, Einschläfern) verstärken die Trauer

  • Der Verlust aktiviert dieselben Hirnareale wie beim Verlust eines nahestehenden Menschen

 

Oxytocin – das Bindungshormon


Beim Blickkontakt, Streicheln und Zusammensein mit dem Hund wird Oxytocin ausgeschüttet.

  • Oxytocin stärkt Vertrauen, Bindung und Verbundenheit

  • Es wirkt angstlösend, beruhigend und stressreduzierend


Stirbt der Hund, bricht diese hormonelle Stabilität weg. Das erklärt innere Unruhe, Leere und körperliche Symptome der Trauer.

 

Warum Trauer um Haustiere oft komplizierter ist


  • «Disenfranchised grief» (= nicht anerkannte Trauer): Wenn das Umfeld bagatellisiert, trauert man isolierter, schämt sich schneller und spricht weniger darüber. Genau das kann Trauer verlängern.

  • Wenig klare Rituale: Nicht nur «keine Beerdigung», sondern auch: keine Karten, keine Kondolenzkultur, kein «offizielles Recht» auf Auszeit.

  • Entscheidungsverantwortung und moralische Belastung: Einschläfern, Behandlungsentscheidungen, Kostenfragen. Viele erleben das als moralischen Druck («Habe ich zu früh/zu spät entschieden»).

  • Ambivalenz im Umfeld: Partner/in oder Familie trauert anders oder gar nicht. Das kann Konflikte erzeugen («Du übertreibst», «Du verstehst mich nicht»).

  • Leere im Zuhause: Stille, fehlende Geräusche, leerer Napf, keine Haare im Flur. Diese sensorischen Trigger sind sehr stark und kommen hundertmal am Tag.

  • Sekundärverluste: Neben dem Tierverlust gehen auch Struktur, soziale Kontakte, Bewegung, Tageslicht, manchmal sogar der Zugang zu Natur und Routine weg.

  • Mehrfachverluste: Wer schon mehrere Tiere verloren hat, trauert oft auch «kumulativ» (die alte Trauer wird mitaktiviert).

 

All diese Faktoren können dazu führen, dass Trauer still, unterdrückt oder nach innen gelebt wird und somit der Verlust länger nicht verarbeitet werden kann. Umso wichtiger ist es, sich selbst die Erlaubnis zu geben zu trauern, unabhängig davon, wie das Umfeld reagiert oder urteilt.


Trauer um einen Hund ist kein Zeichen von Übertreibung, Schwäche oder fehlender Abgrenzung. Sie ist Ausdruck einer tiefen Bindung, einer gelebten Beziehung und eines gemeinsamen Alltags, der plötzlich fehlt.


Wenn wir beginnen, diese Form der Trauer ernst zu nehmen, schaffen wir nicht nur Raum für Betroffene, sondern auch für mehr Mitgefühl und Verständnis.


Nicht jeder Verlust sieht gleich aus.

Aber jeder Verlust tut weh.

1 Kommentar

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Angi
vor 8 Stunden
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Ich hab inzwischen auch viel gelesen und ich muss sagen du hast es wirklich toll zusammengefasst. Dieses Wissen hilft ungemein, wenn einem gerade das Umfeld das Gefühl gibt man wär nicht ganz richtig.

Danke Gabriela

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